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Der neue Milch-Boom: Erbsen, Kartoffeln und Protein ganz ohne Kuh

7 Min. Lesezeit · World Plant Milk Day

Der neue Milch-Boom: Erbsen, Kartoffeln und Protein ganz ohne Kuh

Fast das gesamte letzte Jahrzehnt lang war die Geschichte der Pflanzenmilch eigentlich die Geschichte eines einzigen Korns. Hafermilch war das Phänomen – der Barista-Liebling, der das Milchregal endlich spannend gemacht hat. Doch schlenderst du heute durch dieses Regal, ist daraus ein Labor geworden. Erbsen, Kartoffeln, Hanf – und, noch kurioser, Milchproteine, die in Stahltanks heranwachsen, ganz ohne Kuh weit und breit. Die Hafer-Revolution ist vorbei. Das Wettrennen um das, was als Nächstes kommt, hat begonnen.

Nenn es den neuen Milch-Boom. Und wie schon beim letzten Mal entscheidet nicht allein die Neuheit über die Gewinner. Entscheidend sind drei eher unglamouröse Dinge: Geschmack, Nährwert und ehrliche Nachhaltigkeit.

Das Proteinproblem – gelöst von einer Erbse

Bei aller Liebe zur Hafermilch hat sie einen ernährungsphysiologischen Haken: Sie enthält wenig Protein. Ein Glas Kuhmilch liefert dir rund acht Gramm, ein typisches Glas Hafer- oder Mandelmilch nur ein bis zwei. Für alle, die Milch als echte Nährstoffquelle nutzen – wachsende Kinder, ältere Menschen, Sportler:innen –, macht diese Lücke einen Unterschied.

Hier kommt die gelbe Spalterbse ins Spiel. Erbsenprotein lässt sich extrahieren, reinigen und zu einer Milch verarbeiten, die es auf acht Gramm Protein pro Glas bringt – genauso viel wie Kuhmilch – und dabei die wichtigsten Allergene umschifft, denn sie enthält weder Nüsse noch Soja, Gluten oder Laktose. Ripple, die amerikanische Marke, die das Ganze populär gemacht hat, hat Erbsenprotein zu ihrem gesamten Markenkern erklärt, und der Reiz liegt auf der Hand: Es beantwortet den Einwand „Aber wo ist das Protein?", der Pflanzenmilch jahrelang begleitet hat.

Erbsen haben noch einen zweiten Trick auf Lager. Als Hülsenfrüchte binden sie ihren eigenen Stickstoff aus der Luft, brauchen also deutlich weniger Kunstdünger als die meisten anderen Feldfrüchte – und nur einen Bruchteil des Wassers, das Mandeln benötigen. Eine proteinreiche Milch, die gleichzeitig schonend mit dem Land umgeht, ist eine seltene und äußerst nützliche Kombination – und ein Fingerzeig dafür, wohin sich die Kategorie entwickelt.

Ein rustikales Stillleben mit gelben Spalterbsen, die aus einem Leinensack quellen, neben einem hohen Glas heller Milch

Milch aus der Kartoffel (ja, wirklich)

Klingt Erbsenmilch schon vernünftig, wirkt Kartoffelmilch fast wie ein Scherz. Ist sie aber nicht. 2021 brachte das schwedische Unternehmen Veg of Lund – wie Oatly eine Ausgründung der Universität Lund – DUG auf den Markt, die weltweit erste Milch auf Kartoffelbasis, basierend auf einer patentierten Emulsion aus Kartoffel und Rapsöl, entwickelt von Professorin Eva Tornberg.

Das Verkaufsargument dreht sich fast ausschließlich um den Planeten. Kartoffeln liefern aus sehr wenig Fläche sehr viel Nahrung – die Marke gibt an, dass ihr Anbau etwa doppelt so flächeneffizient ist wie Hafer und deutlich weniger Wasser verbraucht als Mandeln. Für eine Feldfrucht, die die meisten von uns eher mit Chips und Sonntagsbraten verbinden, ist das ein überraschend starker zweiter Auftritt. DUG landete in britischen Regalen bei Waitrose und Ocado und fand fast sofort ein neugieriges, nachhaltigkeitsbewusstes Publikum. Ob Kartoffelmilch zu einem festen Bestandteil wird oder nur eine Fußnote bleibt – sie beweist einen Punkt: Der Rohstoff steht jetzt zur Debatte. Ist eine Pflanze billig, klimafreundlich und regional anbaubar, wird irgendjemand versuchen, sie zu „melken".

Hanf erlebt gerade einen ähnlichen Moment – nussig im Geschmack, von Natur aus reich an Omega-3-Fettsäuren und mit minimalem Aufwand und wenig Pestizideinsatz angebaut. Keiner dieser Newcomer wird Hafer über Nacht vom Thron stoßen. Aber zusammen zeigen sie einen Markt, der nicht mehr fragt „Können wir daraus Milch machen?", sondern „Sollten wir es, und ist sie wirklich besser?"

Milch ganz ohne Kuh

Die radikalste Idee im Regal ist gar keine Pflanze.

Präzisionsfermentation ist eine Technologie aus der Pharmaindustrie, wo sie seit Jahrzehnten Insulin und Lab herstellt. Das Konzept ist verblüffend einfach: Man nimmt den genetischen Bauplan für ein bestimmtes Milchprotein, schleust ihn in einen Mikroorganismus ein – eine Hefe oder einen Pilz – und lässt diesen das Protein in einem Fermentationstank brauen, ganz wie beim Bierbrauen. Heraus kommt ein echtes Milchprotein, molekular identisch mit dem einer Kuh, produziert ohne ein einziges Tier.

Das amerikanische Unternehmen Perfect Day war als Erstes am Markt und erhielt 2020 die US-Zulassung für ein durch Fermentation hergestelltes Molkenprotein, produziert von einem Stamm des Pilzes Trichoderma reesei. Weil es sich um echtes Molkenprotein handelt, schäumt, zieht und schmilzt es wie herkömmliche Milchprodukte – genau die Eigenschaften, an denen pflanzliche Proteine bislang scheitern. Der Nachhaltigkeitsaspekt ist real: keine Herden, kein Methan, nur ein Bruchteil des Land- und Wasserverbrauchs. Doch der Haken ist ebenso real – das Verfahren ist energieintensiv, beruht auf Gentechnik, der manche Verbraucher:innen instinktiv misstrauen, und wie sich die Skalierung wirtschaftlich rechnet, ist noch offen. Die nahe Zukunft wird wohl hybrid: Fermentationsproteine werden eher in Pflanzenmilch eingemischt, um deren Schwachstellen auszugleichen, statt als eigenständiges Produkt verkauft zu werden.

Sauber

Der ehrliche Teil: Nicht jedes Grün ist gleich

Hier muss eine gute Pflanzenmilch-Geschichte ehrlich zu sich selbst sein. „Pflanzlich" ist kein Synonym für „ohne schlechtes Gewissen". Mandelmilch, der Liebling der 2010er-Jahre, ist berüchtigt durstig – ein Großteil der weltweiten Mandeln wächst im von Dürre geplagten Kalifornien, wo bienenbestäubte Plantagen enorme Mengen Wasser verbrauchen. Reismilch trägt eine überraschend hohe Methan- und Wasserlast. Das Etikett allein verrät dir also nur sehr wenig.

Was die Belege durchgängig zeigen – dank der Analyse von mehr als 38.000 Höfen durch Poore und Nemecek –, ist, dass jede Pflanzenmilch bei Treibhausgasen, Landnutzung und Wasser noch immer besser abschneidet als Kuhmilch: Kuhmilch braucht rund zehnmal so viel Land und verursacht etwa dreimal so viele Emissionen wie ihre pflanzlichen Rivalinnen, wie Our World in Data zusammenfasst und Organisationen wie ProVeg bestätigen. Doch unter den pflanzlichen Optionen sind die Unterschiede groß genug, um eine Rolle zu spielen, und die richtige Wahl hängt davon ab, welche Ressource – Wasser, Land, CO₂ – dir am wichtigsten ist. Unsere Seite zur Umweltwirkung schlüsselt diese Abwägungen Feldfrucht für Feldfrucht auf, und ein Blick hinein lohnt sich wirklich, bevor du dich für einen Favoriten entscheidest.

Wie eine ehrliche Zukunft der Milch aussieht

Setzt man alles zusammen, zeichnet sich die Form des nächsten Jahrzehnts ab. Der globale Pflanzenmilch-Markt, bereits über 20 Milliarden Dollar wert und weiter wachsend, fächert sich auf gesunde Weise auf: Keine einzelne Feldfrucht wird „gewinnen". Stattdessen bekommen wir ein Portfolio – Hafer für den Kaffee, Erbse für Protein, Kartoffel und Hanf für alle, denen die Landnutzung wichtig ist, dazu Fermentationsproteine, die sie alle aufwerten – während Anreicherung die alten Nährstofflücken bei Kalzium, B12 und Vitamin D schließt.

Vergiss das einzelne Produkt – der wirklich spannende Wandel ist, dass „Milch" endlich als Gestaltungsaufgabe behandelt wird statt als feststehende Sache, die nur von einem Tier stammen kann. Du kannst nach Geschmack wählen, nach Protein oder nach dem Planeten – und immer öfter musst du dich nicht mehr für nur eines entscheiden.

Auf diese Zukunft lässt es sich anstoßen. Wenn du dich hineinschmecken möchtest, sind unsere Rezepte, milchfreien Tipps und die 7-Tage-Challenge ein guter Anfang. Und wenn dich interessiert, wie wir hierhergekommen sind: Das Erbe der Pflanzenmilch reicht viel weiter zurück als jeder Tetrapack im Regal.

Schmecke die Geschichte

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